Ich singe mit, wenn alles singt

21.05.2026

Meine Mutter und Paul Gerhardt, die haben mich zum Singen gebracht. Meine Mutter, die in ihrem Garten „Geh aus, mein Herz“ singt und sich dabei freut am Vogelzwitschern und mir zwischen den Liedstrophen erklärt, was die alten Worte Narzissus und Tulipan bedeuten und was der Dichter damit meint: ein starkes Selbst-Wert-Gefühl, und ich begriff als Kind: Ich selber bin Gottes schöne Blum in seinem Garten. Ich bin in Gottes Augen so viel wert wie Könige.

Der Lieddichter Paul Gerhardt besang Nachtigallen und Lerchen: „Ich singe mit, wenn alles singt“, sonnige Worte, die wir gerade jetzt im Mai so nachfühlen können. Freude an der Natur und am gemeinsamen Singen. Dies Lied hat mich geprägt:

Ich singe auch mit, wenn alles singt – ich kann an keinem Chor vorbeigehen, ohne mich anstecken zu lassen. Im Fußballstadion mit 1000en Stimmen zusammen zu singen ist ein Erlebnis. In der Kirche oder Chorprobe berührt mich das Miteinandersingen ganz tief. Andere Liedzeilen von Paul Gerhardt sind mir fremd: Lieder und Strophen über Sünde, Teufel  und damit einhergehende Schuldgefühle werden heute zurecht weggelassen. Auch bei dieser Liedzeile „Ich singe mit, wenn alles singt“ darf ich frei entscheiden: Ich muss nicht mitsingen. Ich darf Pause machen oder anderen das Singen überlassen, falls mir selber nicht danach ist. Ich darf Abstand halten, wenn ich mich reizüberflutet fühle. Ich darf auch erstmal abwarten und wahrnehmen, was da gesungen wird. Ich muss aber meine Gegenstimme erheben, wenn menschenverachtende Gesänge und politische Parolen angestimmt werden, die nicht zum christlichen Weltbild passen.

Ich weiß: Singen reguliert das Nervensystem. Ich kann meine Individualität auch mal hintanstellen und mich von einer friedlichen Gemeinschaft mitziehen lassen. Wie oft sagen Chormitglieder mir als Chorleiterin hinterher: „Oh ich war so müde, ich wollte gar nicht zur Probe kommen, aber jetzt gehe ich mit frischer Energie“. Also: keine Angst vor der eigenen Stimme – frei nach Henry Dyke: „Die Wälder wären sehr still, wenn nur die begabtesten Vögel sängen.

Genau das lernen Kinder und Erwachsene beim gemeinsamen Singen: Ich bin wichtig, aber nicht der Mittelpunkt. Ich habe eine Stimme und werde gehört, ich kann etwas bewirken, und ich werde von der Gruppe getragen. Und darum mein Motto: Ich singe mit, wenn alles singt.

Almut Stümke

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