Singen statt böllern

Mit 62 Teilnehmern zwischen zwei und 90 Jahren ist der Andrang zum diesjährigen "Klingenden Jahreswechsel" so groß wie noch nie in dessen 25-jährigen Geschichte

"Es gibt für mich keine schönere Art, den Jahreswechsel zu begehen", sagt der Kirchenmusiker Lothar Kirchbaum. Dass es dem Berliner nicht alleine so geht, beweist der Andrang zur diesjährigen Silvester-Sing-und-Musizierwoche „Klingender Jahreswechsel" im Dahmer Kirchenseminar. Mit 62 Mitwirkenden haben sich dazu diesmal so viele Musikfreunde angemeldet wie noch nie zuvor. Für die Macher eine doppelt positive Nachricht, da die Teilnehmerzahlen in den Vorjahren gesunken waren.

Alleine diese Zahl und die Tatsache, dass nicht nur Stammgäste, sondern auch neugierige Neulinge unter den Teilnehmern sind, ist Musik in den Ohren Kirchbaums. Als er 1995 als frischgebackener Singwart der evangelischen Landeskirche auch die Leitung der Dahmer Singwochen übernahm, gehörte der gemeinschaftliche, musikalische Jahresausklang zu den ersten von ihm eingeführten Neuerungen. Dass der "Klingende Jahreswechsel" damit genau 25 Jahre alt ist, fällt dem 67-Jährigen erst im Interview auf.
Halb so alt ist Jule Schmidt, die ihre Kindheit in Dahme verbrachte und schon damals zusammen mit ihrer Mutter zu den regelmäßigen Teilnehmern der Sommer- und Silvester-Singwochen gehörte. Auch ihre elfjährige Tochter Mathilda Helene gehört schon zu den erfahrenden Singwochen-Teilnehmern, Töchterchen Wanda mit ihren zwei Jahren ist diesmal die jüngste Teilnehmerin.
„Die Singwoche hat in mir den Grundstein für das Gefühl gelegt, dass Musik im Alltag eine Selbstverständlichkeit sein sollte und sein kann", sagt Jule Schmidt, die daheim in Berlin-Karlshorst in einem Blechbläser-Ensemble und in einer Band spielt und als Erzieherin Kindern und Jugendlichen Angebote zum Musizieren macht. "Für mich ist Musik eine zweite Sprache geworden, etwa so, wie andere Menschen zweisprachig aufwachsen", sagt Schmidt. Parallel dazu genießt es die junge Frau, während der Singwoche mal wieder in ihrer alten Heimat zu sein und ihrer Oma einen Besuch abzustatten.
Zum ersten Mal zu den Singwochen-Teilnehmern gehören Kathrin und Johannes Große sowie ihre Tochter Mathilda, die seit vier Jahren an der amerikanischen Westküste zu Hause sind und damit eindeutig den weitesten Weg auf sich genommen haben, um mit dabei zu sein. "Meine jüngeren Schwestern sind schon seit vielen Jahren dabei und schwärmen immer davon", erläutert Johannes Große, wie es dazu kam. Wenn es ein Familientreffen zum Jahreswechsel gibt, dann nur in Dahme, hatten ihm die beiden gesagt. Da er selbst gerne auf der Gitarre, auf dem Klavier oder mit dem Akkordeon musiziert und seit einem Jahr in San Francisco Sänger im Bach-Chor ist, fiel ehe Zusage, mit dabei zu sein, nicht schwer.
"Es ist wirklich sehr schön. Die Singwoche ist eine wunderbare Mischung aus gemeinsamen Singen und Zusammensein mit anderen Leuten und mit der Familie", sagt der 54-Jährige.
Wie in jedem Jahr behalten die Teilnehmer das musikalische Ergebnis ihres Beisammenseins nicht für sich, sondern laden am Neujahrstag zum Konzert. Da der Heinrich-Schütz-Saal auf dem Seminargelände zu klein ist, findet das Neujahrskonzert diesmal um 16 Uhr in der Seniorenresidenz statt.
Die Zuhörer dürfen sich auf mehrere Überraschungen freuen. Wer nicht wusste, dass Schriftsteller Karl May auch komponierte, wird nach dem Konzert nicht nur beschwingter, sondern auch klüger sein. Hinzu kommen ein Orgelkonzert von Händel, von Kirchbaum um einen Chorsatz ergänzt, sowie kleine Stücke für Chor, Streicher und Bläser.
Mit einem heiter-besinnlichen Literatur- und Musikabend, der ebenfalls am Neujahrstag um 20 Uhr im Schütz-Saal stattfindet, verabschieden sich die Singwochen-Teilnehmer vom Dahmer Publikum.

von Uwe Klemens - erschienen in der MAZ am 31.12.2019

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