„Weh dem Lande, wo man nicht mehr singt!“,

so ruft der deutsche Dichter Johann Gottfried Seume (1763-1810) In seinem Gedicht „Die Gesänge“ aus dem Jahre 1804 aus. Im allgemeinen Gedächtnis haftet wohl aus diesem Gedicht die Zeile: „Wo man singet, lass dich ruhig nieder.“ Der Volksmund hat sie allerdings falsch vervollständigt, indem er reimt: „Böse Menschen haben keine Lieder.“ Wir müssen nicht weit in der deutschen Geschichte zurück gehen, um am Wahrheitsgehalt dieser Aussage begründet zu zweifeln. Seumes Originalformulierung ist zwar sprachlich schöner, inhaltlich jedoch ebenso anfragbar:

 

  Wo man singet, lass dich ruhig nieder,
Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;
Wo man singet, wird kein Mensch beraubt;
Bösewichter haben keine Lieder. 

Was hat es also auf sich mit dem Singen?

Immerhin soll es einer blonden Schönheit auf einem rheinschen Felsen gelungen sein, einen schwer arbeitenden Fischer damit zu Tode zu bringen. Immerhin erlangt, wie Wilhelm Busch (1832-1908), der deutsche Maler und Dichter zu berichten weiß schon zu Beginn des menschlichen Lebens das Singen einige Bedeutung: „Der Säugling, des Gesanges müde, ruht aus von seinem Klageliede.“
Immerhin ist das Rezept des deutsch-französischen Dichters Adelbert von Chamisso (1781-1838) überliefert und von Friedrich Silcher (1789-1860), dem Komponisten und Musikpädagogen vertont worden: „Sollst uns nicht lange klagen, was alles dir wehe tut. Nur frisch, nur frisch gesungen! Und alles ist wieder gut.“

Was hat es also auf sich mit dem Singen,

einem Vorgang der sowohl heilen als auch töten kann, wenn man die Gilde deutscher Dichter beim Wort nimmt?
Gesang gehört zur Kultur sämtlicher Zeiten und Völker und kann alle Lebenssituationen begleiten. Rituelle Gesänge, Kinderlieder, Arbeitslieder, Marsch- und Wanderlieder und Gesang als Vortragskunst sind nur wenige Beispiele. Gesang ist wahrscheinlich die älteste und ursprünglichste musikalische Äußerungsform des Menschen. Ihr Instrument ist der menschliche Körper selbst. Dadurch können Seelisches und Emotionales unmittelbar zum Ausdruck kommen. Gesang hat deshalb für jeden religiösen Kult besondere Bedeutung. Menschen, die nicht mehr singen können sind oder werden ebenso krank wie Menschen, die nicht mehr weinen können.

Was geschieht beim Singen?

Es ist ein ganzheitlicher körperlich, geistig und seelischer Vorgang und insofern eine unverzichtbare Art der Psychohygiene. Am Vorgang des Singens sind weit mehr Regionen des Körpers und des Geistes beteiligt, als etwa nur Zwerchfell, Lunge, Stimmlippen und Vokaltrakt. Eine kleine Ahnung davon steigt in mir auf, wenn ich einem berühmten Satz des daoistischen Philosophen Zhuangzi nachdenke: „Der wahre Mensch atmet mit den Fersen, die Masse der Menschen atmet mit der Kehle.“ Dieser Satz, er stammt aus dem Zusammenhang hochkonzentrierter asiatischer Kampftechniken, bringt es mit einfachen Worten genau auf den Punkt. Wo - wenn nicht beim Singen - wird, außerhalb der Karate- und Taekwondostudios, die Atmung in diesem umfassenden, ganzkörperlichen Sinn benötigt, erlebt und trainiert?!
Schließlich einige Gedanken zur sozialen Komponente des Singens. Unstrittig ist, das man zwar allein im Kämmerlein und in der Badewanne singen kann, dass es jedoch in der Gemeinschaft Gleichgesinnter und Gleichgestimmter viel lieber getan wird. Singen gehört zu den wenigen Beschäftigungen, denen selbst größere und große Gruppen gemeinsam und gleichzeitig mit innerem Gewinn nachgehen können. Singen beginnt mit dem aufeinander Hören, dem Wahrnehmen der Nachbarin oder des Nachbarn. Singen bedeutet, sich selbst in einen Zusammenhang ein-, ja sogar unter zu ordnen, ohne sich selbst zu verlieren.

Zum Schluss:

Nein auch ganz am Ende meiner Darstellung möchte ich Gott, den Schöpfer allen Gesanges, nicht ins Spiel bringen. Dazu würde es mehrerer weiterer Kapitel bedürfen. Und noch viel wichtiger ist es mir, nachdem soviel vom Singen die Rede war, auf die Bedeutung des SELBER Singens hinzuweisen. Vielleicht haben Sie nun einiges (Neues?) zum Thema Singen erfahren und entscheiden sich dennoch, wie bisher, wenn andere singen lieber zu schweigen und zuzuhören? Dann hätte ich mein Thema verfehlt. Ich sag es gerade heraus: Ich möchte, das Sie künftig so oft wie nur irgend möglich MIT singen, SELBST singen und sich vom Hörer in den Sänger verwandeln. Es ist hier mit dem Singen nicht anders, als mit dem Essen. Nur SELBER essen macht satt, ein erzähltes Essen bleibt geschmacklos und erfreut nur wenig. Ebenso macht nur SELBER singen glücklich, und dieses Glück kann nicht durch Zuhören allein erlangt werden. Glauben Sie mir und probieren Sie es aus. Viele beglückende Selbsterfahrungen in diesem Zusammenhang wünscht Ihnen

Lothar Kirchbaum


live cd

Tischgebete

Mit Freunden zu Tisch. 
Das Essen ist frisch.
O Gott, unvergleichlich,
Du gibst uns so reichlich!
Schon liegt in der Luft ein lieblicher Duft und schmeichelt den Sinnen.
Wir sagen dir Dank für Speise und Trank! Nun lasst uns beginnen.
Amen!